AG Queer Studies

… jenseits der Geschlechtergrenzen
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WM Statement

04.07.2010 Von: W. Kategorie: Aktivismus, Neuigkeiten

Zur Lage der Nation: oder warum die AG Queer Studies der Absage eines Vortrags wegen eines Fußballspiels wenig abgewinnen kann

Dieses Jahr ist wieder Fußball-WM. Genauer: Ablebodied-Erwachsenen-Männer-Fußball-WM und Deutschland befindet sich – wenigstens während der Spiele der deutschen Nationalelf – in einem Ausnahmezustand. Dieser betrifft auch die Universität: Es finden in der Staatsbibliothek, im Audimax und im Pferdestall-Hinterhof Fußballübertragungen statt. Die Spiele der deutschen Nationalelf gelten in Seminaren automatisch als Entschuldigungsgrund, bei denen sonst peinlich genau auf die Anwesenheit geachtet wird. Leider hat dieser Ausnahmezustand nun auch unsere Ringvorlesung erreicht. Da nächsten Mittwoch (7.7.2010) „Deutschland“ im Halbfinale steht, muss der Vortrag leider entfallen, da die Referentin lieber das Fußballspiel ansehen möchte. Aus diesem Grund sehen wir uns gezwungen, zu den Ereignissen während der Männer-Fußball-WM einmal grundsätzlich Stellung zu beziehen.

Gemeinsam Fußballschauen kann nett sein – was sich aber derzeit abspielt, ist leider viel mehr als das. Denn „wir“ (gemeint sind wohl alle „Deutschen“, denn die Aussagen kommen nicht von den Fußballspielern) spielen bei der WM mit, und das wichtigste ist, dass „wir“ hierbei auch gewinnen, gegen den alten Erzrivalen England, aber auch gegen Ghana mit „Ballack-Treter“ Boateng. Nun ist diese nationale Aufteilung bedauerlicherweise schon im Format der WM angelegt. In Deutschland ist seit 2006 aber die Auffassung verbreitet, dass wir uns ja bisher viel zu stark zurückgehalten hätten. Wenn wir aber nun eifrig mit Deutschlandfähnchen wedeln, Autokorsos veranstalten und uns auch ansonsten nationalistisch gebärden, würden wir nur einen „gesunden“ Patriotismus ausleben. Was „gesund“ an Patriotismus sein soll, bleibt hier vollkommen im Unklaren. Unserer Meinung schließt dieser immer andere Leute aus und macht eine Frontstellung zu anderen Ländern auf. Die Rechtfertigung beschränkt sich meist darauf, dass dies bei anderen Ländern ja genauso sei (über den Wahrheitsgehalt dieser Aussage wollen wir uns mal nicht auslassen, aber das macht Patriotismus leider auch nicht besser). Mal ganz abgesehen von den Leuten, die diese WM eine gute Gelegenheit finden, mal ganz unverblümt ihre nationalistische und nazistische Einstellung heraushängen zu lassen und die erste Strophe des Deutschlandliedes absingen, „Sieg Heil“ brüllen oder aber gegnerische Fahnen abfackeln. Mal ganz abgesehen von „unvermeidlichen“ Sprüchen wie „Ihr seid alle homosexuell!“, die die latent homophobe Einstellung vieler Deutschland-Fans illustriert, auch wurde die Variante „Ihr seid alle behindert“ gehört. (alle Fälle mussten wir in den letzten Wochen persönlich beobachten).

Es geht bei der ganzen Veranstaltung also weniger um schönen Fußball, sondern um ein kollektives Zusammengehörigkeitsgefühl, dass zu allem Übel auch noch an nationalen Grenzen festgemacht wird. Dies schließt selbstverständlich nicht aus, dass sich die Leute nicht auch über bestimmte Spielzüge freuen können. Leider wird dies aber mit einer Feierkultur verbunden, die alle Personen in die Verzweiflung treibt, die trotz medialen Trommelfeuers noch nicht zu Fußballfans mutiert sind oder aber diesem nationalistischen Feiergetaumel nicht viel abgewinnen können. Es muss möglich sein, in dieser Situation auch etwas Anderes tun zu können als Fußball zu gucken und zwangsweise mitmachen zu müssen. Mehr noch: Wir hätten unseren Spaß gehabt mit einem interessanten Vortrag in unserer Vorlesungsreihe. Keiner der AG-Mitglieder kann sich erinnern, dass bisher andere als dringende persönliche Gründe (Krankheit usw.) bei Vortragsabsagen eine Rolle gespielt haben und wir sind einigermaßen erschüttert, dass nun ausgerechnet die Fußball-WM einer ist.

In unser Entsetzen mischt sich aber die Hoffnung, dass dieser Wahnsinn  bald vorbei ist. Um trotzdem einen schönen Abend zu haben, planen wir ein kleines Alternativprogramm für alle, die Interesse an etwas Anderem als Fußballgucken haben.

4 Comments to “WM Statement”


  1. Diese Haltung ist jetzt aber auch wenig förderlich, das Kulturgut Fußball (konstituierende Elemente der Identitätsstiftung durch gemeinschaftliches Erleben eines von Menschen gemachten Ereignisses mit hochkomplexen Regeln für Teilnehmer und Zuschauer sind wohl ein Paradebeispiel für Kulturgut) aus dem ekligen Griff der Vollpfosten zu befreien, die glauben ihren Rassismus ungeniert ausleben zu dürfen, nur weil bei einer WM nationale Verbände ihre Spieler entsenden. Meint ihr nicht?

    Ihr müsst ja nicht mitmachen bei diesem wunderbaren Wahnsinn, ich persönlich freue mich über jeden Spielverderber, der zuhause bleibt. Dummerweise bin ich dann schnell alleine mit dem Rassistenpack, wenn die Ressentiments vernünftiger Mitbürger gegen das Ereignis größer sind als der Wille, die Deutungshoheit zu gewinnen.

    Außerdem wehre mich nachdrücklich gegen Eure grundbescheuerte Interpretation, was denn das Entscheidende an diesem Ereignis sei. Ich liebe nämlich das Spiel Fußball von ganzem Herzen. Und bei der WM kommt zur spielimmanenten Magie die soziokulturelle Wirkmacht von Großereignissen hinzu, deren Eigendynamik auch sehr positive Züge trägt, wenn man gewillt ist, nach anderen Gesichtern als denen der besoffenen Rüpel zu schauen.

    Trotzdem schade um euer Programm, dafür habe ich natürlich Verständnis. Ich hoffe auch auf das Eure. Beste Grüße.

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  2. @erz: es wäre ja alles ok, wenn es möglich wäre, sich bei diesem “kulturgut fußball” rauszuhalten und sich nicht dazu verhalten zu müssen. das geht aber in dem moment nicht, wo mein sporttraining oder das seminar ausfallen, weil “eh klar ist, dass alle (TM) fußball gucken” und wo ich auf der straße agressiv angeschrien werde, “ey freu dich!!!! schlaaaaaand!!!!”, weil ich mit unbeteiligtem gesichtsausdruck rumlaufe.

    ich sehe mich nicht in der verantwortung, an der konstruktion von irgendwelchen (nationen-)kollektiven identitätsdingern positiv mitzuwirken, und für eine ag queer studies wäre das wahrlich ein performativer selbstwiederspruch.

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  3. @Kathrin
    Ich fühle deinen Schmerz und wage die Behauptung, dass du nicht annähernd so genervt bist wie ich, wenn ich dem “Schlaaaaaand”-Getöse ausweichen muss. Die wollen mir MEIN Spiel verderben. Vollidioten, alle. Wird Zeit, dass wieder Jugend- oder Frauenfußballevents sind, da muss ich mir den Fußball nicht mit dem Partyvolk teilen, die ihn nicht verstehen, noch schätzen. ;-)

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  4. Schöner Text. Wird der Vortrag denn wiederholt oder lasst ihr den ganz entfallen? Wenn, fragt ihr den_die Referent_in nochmal, warum er_sie nicht da war und wie sich Deutschland, Fussballwm, Männerbünde, Wir mit einer queer-feministischen Kritik denken lässt?

    Falls ihr heute Abend noch nichts vorhabt: Wir machen eine Veranstaltung zum Thema Nation/Deutschland, ab 18 Uhr in der T-Stube:
    studentischesmilieu.wordpress.com

    xoxo

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