AG Queer Studies

… jenseits der Geschlechtergrenzen
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Wider den Aufklärismus

13.08.2012 Von: W. Kategorie: Aktivismus

Was bisher geschah: Das Buchholzer Wochenblatt durckte am 21.7..2012 auf Seite 8 eine Leserzuschrift zum Kölner Beschneidungsurteil im Artikelteil. Es handelte sich letztlich um philosophisch verpackte rassistische[3] Äußerungen, beispielsweise mit solch ‘durchdachten’ Sätzen wie: “Die Juden und die Moslems haben den Quantensprung in die Moderne verpasst.” Die AG Queer Studies konnte und wollte dies nicht unkommentiert lassen, denn Rassismuskritik ist uns ein Anliegen, Philosophie (einigen) ein Vergnügen. Und so schrieben zwei QueerAG-mit-Cyborgs Leser*innenbriefe, die im folgenden zu einem Text zusammengefügt wurden:

Philosophische Untiefen

Über einen Zusammenhang zwischen Vorhaut und Vernunft diskutieren zu müssen, wirft die Frage auf, mit welchem Organ da eigentlich gedacht wird. Und in der Tat ist auch am vorliegenden Text entscheidend, was fehlt.

Offensichtlich wird das Christentum bei der (scheinbaren) Religionskritik komplett ausgespart. Dabei war das Christentum die unmittelbare Gegnerin der (modernen) Naturwissenschaft und es ist diese Religion welche hierzulande immer noch staatliche wie arbeitsrechtliche Förderung genießt.

Wer “Körperliche Unversehrtheit” als hohes Gut ansieht, sollte sich zunächst gegen Zwangsoperationen an intersexuellen Menschen einsetzen, denn bei sogenannten “geschlechtsangleichenden Operationen” an Kindern handelt es sich unstrittig um schwere und leidvolle Eingriffe.

Wieso aber wird dies nicht thematisiert? Vielleicht weil sich darüber kein Anderes konstruieren lässt. Im konkreten Fall sind die Anderen(tm) (wörtlich) “die Juden” und “die Moslems”. Mit derartig groben Verallgemeinerungen läßt sich kaum eine sinnvolle Aussage treffen. Beispielsweise der Beitrag Moses Mendelssohns zur deutschsprachigen Aufklärungsphilosphie hätte in solch einem Gegensatz keinen Platz. Der philosophischen Richtigkeit halber sei auch kurz darauf hingewiesen, dass das komplizierte Verhältnis von Aufklärung und Humanismus keine Gleichsetzung zulässt und sich auch der Stalininismus hierzu zählte.[1]

Leid mit den Mitteln der Moderne und in Folge der Aufklärung scheint keine Bedeutung zugemessen zu werden. “Aber die vollends aufgeklärte Erde strahlt im Zeichen triumphalen Unheils.”[2] So die Sozialwissenschaftler Adorno und Horkheimer 1947 in dem Werk “Dialektik der Aufklärung”. Dessen Hauptthese, die Aufklärung könne in ihr eigenes Gegenteil – den Mythos – umschlagen, wird in Aufkläristischen Texten wie dem vorliegenden Leserbrief eindrucksvoll illustriert.

Physikalische Metaphern, wie den Quantensprung überlassen wir besser Physiker*innen, die ihn inhaltlich korrekt verwenden können. Die Frage, wie Weltreligionen durchgeplante Veranstaltung einer überschaubaren Gruppe seien, der Verschwörungstheorie. Die Frage, wer nun eigentlich in welchem Jahrhundert steckengeblieben ist, sei der eurozentrischen Geschichtsphilosophie vergangener Jahrhunderte anvertraut. Vergessen wir dabei aber nicht, daß Kant – dessen Kosename Manelchen auch nicht mit E beginnt – in einer kolonialen Zeit situiert rassistische[3] Inhalte produzierte; unkritische Anknüpfungen wären selbst im Sinne der Aufklärung falsch.

Ob den Betroffenen der Zirkumzision die Entscheidung zu ebensolcher vielleicht tatsächlich besser selbst überlassen sein sollte, ist eine Debatte, die zu führen leider durch den rassistischen Impetus vieler Beschneidungsgegner*innen verunmöglicht wird. Fast könnte dem Wochenblatt unterstellt werden, es fische jetzt im Rechtspopulistischen, wobei jedoch ein Leserbrief vorgeschickt wurde; während sich die unbezahlten Kolleg*innen der Freien Radios[4] die Mühe machen, sich Gesetzeskommentare und Urteile zum Thema anzuschauen. Wir fordern die Verantwortlichen auf, ihre moralischen Standards zu überdenken und derartigen Thesen von zudem zweifelhafter Qualität nicht den Raum eines Artikels geben – auch an deutschen Thesen soll die Welt nicht genesen.


[1] Foucault, Michel: Was ist Aufklärung? in: Ders.: Schriften in vier Bänden <Dits et écrits dt> : Bd. 4 1980-1988; Frankfurt/M 2005; hg.v. Defert, Daniel & Bischoff, Michael; S. 687-707. (englische Version im Netz http://foucault.info/documents/whatIsEnlightenment/foucault.whatIsEnlightenment.en.html)

[2] Horkheimer, Max; Adorno, Theodor W.: Dialektik der Aufklärung : Philosophische Fragmente; Amsterdam 1947; S. 13.

[3] Zum Rassismusbegriff siehe Birgit Rommelpacher: Was ist eigentlich Rassismus? in: Rassismuskritik, Rassismustheorie und -forschung. Schwalbach 2007, S. 25-38. (online verfügbar unter http://www.birgit-rommelspacher.de/pdfs/Was_ist_Rassismus.pdf)

[4] Freies Sender Kombinat Hamburg (FSK 93,0):Zum Beschneidungsurteil einige unausgewogene Erwaegungen (online verfügbar unter http://freie-radios.net/49897); ausführlicher und tiefgründiger behandelte die Sendung Shalom Libertad das Thema (online verfügbar unter http://freie-radios.net/50164)

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